Joewell: Einblick in Japans älteste Scherenfabrik

Joewell begann 1917 mit der Herstellung von medizinischen Scheren. Heute ist die Fabrik in Tokosha die größte Japans und liefert Scheren aus Kobaltlegierung und lackierte Scheren in 50 Länder.

Joewell-Scheren: Von medizinischen Scheren bis hin zu Urushi-Lack in Japans ältester Scherenfabrik
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1917 begann eine kleine Werkstatt in Japan mit der Herstellung von medizinischen Scheren. Heute liefert die Marke Joewell von Tokosha in 50 Länder, und ihre neueste Innovation beinhaltet 400 Jahre alten japanischen Lack.

Dieser Entwicklungsbogen, von chirurgischen Instrumenten bis hin zu mit Urushi beschichteten Friseurscheren, sagt alles über Joewell aus. Das Unternehmen hat über ein Jahrhundert lang Wissen über präzises Schneiden gesammelt und dieses Wissen mit einer Ingenieurskunst auf das Friseurhandwerk angewendet, die nur wenige Wettbewerber erreichen.

Vom Chirurgen zum Salon: 1917-1921

Die Tokosha Co., Ltd. wurde 1917 zur Herstellung medizinischer Scheren gegründet. Chirurgische Instrumente erfordern Toleranzen, die bei Konsumprodukten nie erreicht werden. Der Stahl muss absolut gleichmäßig sein. Die Schneiden müssen makellos sein. Der Drehpunkt muss tausende Male spielfrei und ohne Abweichung reibungslos funktionieren. Ein Versagen hätte weitaus schlimmere Folgen als ein misslungener Haarschnitt.

1921 erkannte Tokosha, dass dieselbe Präzisionsfertigung auch für Barbiere und Friseure geeignet war. Sie brachten die Marke Joewell auf den Markt, um professionelle Styling-Werkzeuge anzubieten und nutzten dabei all ihre Erfahrungen aus der Produktion von Medizinprodukten.

Dieser vierjährige Vorsprung in der Herstellung chirurgischer Instrumente verschaffte Joewell eine Grundlage, die Hersteller von Spezialscheren schlichtweg nicht besaßen. Während andere Hersteller noch an der grundlegenden Gleichmäßigkeit der Wärmebehandlung arbeiteten, hatte Tokosha dieses Problem für den chirurgischen Einsatz bereits gelöst.

Heute betreibt Tokosha die größte ausschließlich auf Scheren spezialisierte Fabrik Japans. Nicht die größte Besteckfabrik oder die größte Werkzeugfabrik, sondern die größte Scherenfabrik überhaupt. Diese Spezialisierung ist ihr Vorteil.

CBA-1: Die Kobaltlegierung, die Designpreise gewann

Joewells bedeutendste Materialinnovation ist CBA-1, die firmeneigene Kobaltbasislegierung. Es handelt sich dabei nicht um mit Kobalt versetzten Edelstahl, sondern um eine grundlegend andere Legierung, bei der Kobalt die Basis des Materials bildet und nicht nur ein geringfügiger Zusatzstoff ist.

Die Bedeutung von CBA-1 geht über Marketingmaßnahmen hinaus. Hier die praktischen Unterschiede:

Der Nickelgehalt liegt unter 0.6 %. Herkömmlicher Edelstahl, wie er für Scheren verwendet wird, enthält deutlich mehr Nickel. Für die geschätzten 10–20 % der Bevölkerung mit Nickelallergie ist dies von enormer Bedeutung. Friseure, die durch herkömmliche Scheren eine Kontaktdermatitis entwickeln, stellen oft fest, dass CBA-1 das Problem vollständig beseitigt.

Dünne, schmale Klingen. Kobaltlegierungen weisen ein anderes Festigkeits-Gewichts-Verhältnis als Edelstahl auf. Dank CBA-1 kann Joewell Klingen herstellen, die dünner und schmaler sind als dies bei gleicher Festigkeit mit Edelstahl möglich wäre. Dünnere Klingen bedeuten weniger Widerstand beim Schneiden, weniger Kompression der Haare und präziseres Abteilen.

Unterschiedliche Verschleißeigenschaften. Kobalt verliert seine Schärfe nicht so schnell wie Edelstahl. Der Verschleißmechanismus ist völlig anders; die extreme Abriebfestigkeit von Kobalt führt zu einem langsameren und gleichmäßigeren Verschleiß der Schneide. Das praktische Ergebnis sind längere Nachschärfintervalle und ein gleichbleibendes Schneidgefühl mit zunehmendem Alter der Schneide.

Die Schere CBA-1 gewann 2017 den Good Design Award, der nicht nur die Ästhetik, sondern auch die funktionale Innovation der Legierung und der damit möglichen Klingenformen würdigte.

Zum Vergleich der Kobaltlegierungen verschiedener Marken: Mizutani verwendet Stellite mit einem Kobaltgehalt von über 50 %, während Kikui 1973 Pionierarbeit bei Legierungen mit 70 % Kobalt leistete. Joewells CBA-1 nimmt eine spezifische Position im Kobaltspektrum ein und ist optimiert für die dünnen Klingen, die das Sortiment ausmachen.

SG2/R2 und die FX PRO-Serie

Während CBA-1 das charakteristische Material von Joewell ist, verwendet die FX PRO-Serie SG2/R2-Pulvermetallurgiestahl, einen der angesehensten Stähle in der japanischen Klingenindustrie.

SG2 (auch bekannt als R2) ist ein von Takefu Special Steel in der Präfektur Fukui entwickelter Super-Gold-Stahl. Er erreicht eine Härte von 63–64 HRC und weist einen hohen Gehalt an Kohlenstoff, Chrom, Molybdän und Vanadium auf. Das pulvermetallurgische Herstellungsverfahren erzeugt ein ultrafeines, gleichmäßiges Korngefüge, das eine außergewöhnlich gute Schnitthaltigkeit gewährleistet.

Die FX PRO-Serie repräsentiert Joewells Hochleistungs-Edelstahlscheren. Diese Scheren ergänzen die CBA-1-Serie und bieten eine Alternative für Stylisten, die die Eigenschaften von gehärtetem Edelstahl bevorzugen, insbesondere die höhere HRC-Härte von Edelstahl im Vergleich zu Kobaltlegierungen.

Eishärtende Wärmebehandlung

Joewells Wärmebehandlungsverfahren gehört zu den spektakulärsten in der Branche.

Der Stahl wird zunächst auf über 1,000 Grad Celsius erhitzt. Anschließend wird er schnell abgekühlt (abgeschreckt), um das gewünschte Gefüge zu fixieren. Soweit ist das Standardverfahren.

Nicht üblich ist der nächste Schritt: Der Stahl wird weiter auf -80 Grad Celsius abgekühlt. Diese Kältebehandlung, auch Eishärtung oder Kryobehandlung genannt, wandelt jeglichen verbleibenden weichen Austenit im Stahl in harten Martensit um. Das Ergebnis ist eine vollständigere und gleichmäßigere Härtung der gesamten Klinge.

Viele Hersteller verzichten auf die Tieftemperaturbehandlung, da sie den Zeitaufwand und die Komplexität erhöht. Joewell hält sie für unerlässlich, insbesondere für seine Edelstahlprodukte, bei denen maximale Härte und Gleichmäßigkeit die Schneidleistung direkt beeinflussen. Wir behandeln dieses und weitere Tieftemperaturverfahren in „ Degrees Below Zero“.

Urushi-Lack: 400 Jahre alte Technologie trifft auf moderne Scheren

Dieses Projekt unterscheidet Joewell von allen anderen Scherenherstellern.

Urushi ist traditioneller japanischer Lack, der aus dem Saft des Urushi-Baumes gewonnen wird. Er wird in der japanischen Handwerkskunst seit über 9,000 Jahren verwendet, doch die raffinierte Lackkunsttradition, auf die Joewell zurückgreift, datiert auf die Edo-Zeit, also vor etwa 400 Jahren.

Joewell arbeitete mit Urushi-Handwerkern in der Präfektur Iwate zusammen, einem der historischen Zentren der japanischen Lackkunst, um ihre Scheren mit der traditionellen Urushi-Technik zu veredeln. Es handelt sich dabei nicht um Sprühlack oder eine synthetische Beschichtung. Der Lack wird von Hand in mehreren Schichten aufgetragen und von Kunsthandwerkern gefertigt, die jahrelang in dieser Kunst ausgebildet wurden.

Das Ergebnis ist eine Schere, die gleichzeitig ein professionelles Werkzeug und ein japanisches Kunsthandwerk ist. Doch das Urushi ist nicht nur dekorativ. Natürlicher Lack bildet eine extrem widerstandsfähige, feuchtigkeitsbeständige Oberfläche mit antibakteriellen Eigenschaften. Es vermittelt ein warmes, natürliches Gefühl in der Hand, das Metall allein nicht erreichen kann. Und es altert auf wunderschöne Weise; Urushi gewinnt mit den Jahren des Gebrauchs an Tiefe und Charakter, anstatt zu verblassen.

Diese Zusammenarbeit ist etwas, das nur ein Unternehmen mit Joewells Geschichte und japanischen Fertigungstradition leisten kann. Die Verbindung von Lackkünstlern aus der Präfektur Iwate mit der Herstellung präziser Scheren erfordert tiefgreifende kulturelle Netzwerke, über die ausländische oder neu gegründete Unternehmen schlichtweg nicht verfügen.

Ungezahnt: All Smooth Blades

Alle Joewell-Modelle sind ungezahnt, ein deutscher Begriff, der „ohne Wellenschliff“ oder „glatte Klinge“ bedeutet. Dies ist so bedeutsam, dass es einer Erklärung bedarf.

Viele Scheren, insbesondere solche aus deutscher Produktion im günstigeren Preissegment, verfügen über Mikroverzahnungen an einer oder beiden Klingen. Diese winzigen Zähnchen greifen das Haar und verhindern, dass es beim Schneiden an der Klinge entlanggleitet. Für stumpfe Schnitte sind Verzahnungen gut geeignet. Sie erschweren oder verhindern jedoch Gleitschnitte und Texturierungstechniken, da die Zähnchen das Haar verhaken, anstatt es passieren zu lassen.

Joewells Engagement für besonders glatte Klingen in der gesamten Produktpalette bedeutet, dass jedes Modell die gesamte Bandbreite japanischer Schneidetechniken unterstützt: Gleit-, Punkt-, Kanal- und Stumpfschnitte. Die glatte Klinge in Kombination mit der konvexen Schneidegeometrie ermöglicht ein widerstandsfreies, druck- und reißfreies Schneiden der Haare.

Auch dies gehört zu Joewells Verbindung zu Deutschland. Der europäische Vertrieb erfolgt über Haaro.de, und die Bezeichnung „ungezahnt“ ist ein Zeichen dafür, dass die glatte Klinge eine bewusste technische Entscheidung und keine Standardeinstellung ist.

Monatlich werden 1,000 Scheren repariert.

Hier ist eine Zahl, die etwas über Joewells Marktpräsenz und ihre Fertigungsphilosophie aussagt: Sie reparieren etwa 1,000 Scheren pro Monat.

Dank des hohen Reparaturaufkommens verfügt Joewell über einen enormen Datensatz darüber, wie ihre Scheren altern, ausfallen und sich im realen Einsatz bewähren. Jede zur Reparatur eingesandte Schere liefert Informationen: Welche Stahlsorten weisen welche Verschleißmuster auf? Welche Modelle entwickeln bei welcher Nutzungsintensität welche Probleme? Wie wirken sich unterschiedliche Salonumgebungen auf verschiedene Beschichtungen und Legierungen aus?

Dieser Feedback-Kreislauf, der vom Stuhl bis zur Fabrik und zurück reicht, ist etwas, das neuere oder kleinere Hersteller nicht nachahmen können. Es braucht jahrzehntelange Marktpräsenz und Tausende von Reparaturen, um das empirische Wissen aufzubauen, über das Joewell heute verfügt.

Auszeichnung

Joewells Design- und Ingenieursarbeit wurde mit drei der weltweit angesehensten Industriedesignpreise ausgezeichnet:

Award Jahr Ausgezeichnet für
Good Design Award (Japan) 2017 Schere aus Kobaltlegierung CBA-1
Red Dot Design Award (Deutschland) Mehrere Jahre Exzellentes Gesamtdesign
iF Gold Award (Deutschland) Empfangene Hochwertiges Produktdesign

Die Auszeichnung mit japanischen und deutschen Designpreisen ist für ein Scherenunternehmen von besonderer Bedeutung, da Japan und Deutschland die beiden globalen Zentren der Scherenherstellung sind. Die Anerkennung aus beiden Ländern bestätigt Joewells Arbeit beiderseits der traditionellen Trennlinie zwischen Ost und West in der Klingenherstellung.

Wo Joewell hinpasst

Joewell gehört mit seinen besonderen Stärken im Bereich Kobaltlegierungen, Lösungen für Nickelempfindlichkeit und der Integration traditioneller japanischer Handwerkskunst zum Premiumsegment.

Für Stylisten, die zwischen Premium-Herstellern aus Japan wählen:

  • Joewell Hervorragend geeignet, wenn Sie nickelfreie Optionen benötigen, dünne/schmale Klingenprofile bevorzugen oder die einzigartige Urushi-Lackierung wünschen.
  • Kasho bietet vergleichbare Premiumqualität mit breiterem Vertrieb und größerer Verfügbarkeit innerhalb der KAI-Gruppe
  • Hikari ist die erste Wahl für Stylisten, die sich speziell auf die Geometrie konvexer Klingen und die Gleitschneidetechnik konzentrieren.
  • Mizutani gehört mit seinen firmeneigenen Stählen und dem 30-stufigen Handfertigungsprozess zur absoluten Premiumklasse.

Für einen günstigeren Preis bietet sich Mina an, eine japanische Marke, deren Preise zwischen 95 und 299 US-Dollar liegen und die sowohl für Profis als auch für Anfänger geeignet ist. Ichiro kostet zwischen 179 und 599 US-Dollar und kombiniert traditionelle Handwerkskunst mit modernen, lasergefertigten Klingen. Die meisten Modelle sind für den professionellen Einsatz konzipiert, es gibt aber auch ausgewählte Varianten für Schüler und Auszubildende. Achten Sie auf die Materialangaben und die Herstellerangaben des jeweiligen Modells.

Ein Jahrhundert des Schneidens

Joewells Geschichte handelt letztlich von Erfahrung und Wachstum. Hundert Jahre Scherenherstellung. Fünfzig Länder wurden beliefert. Tausende Reparaturen wurden durchgeführt und wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Eine Kobaltlegierung wurde mit Designpreisen ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit mit Lackkünstlern, die ihre jahrhundertealte Handwerkstradition bewahren, ist ein weiterer Meilenstein.

Joewell wird nicht durch eine einzelne Innovation definiert. Was das Unternehmen auszeichnet, ist die Tiefe: die jahrhundertelange Anhäufung von Wissen, Technik und Fertigungspräzision, die mit chirurgischen Instrumenten begann und heute einige der raffiniertesten Styling-Werkzeuge der Welt hervorbringt.

Die medizinischen Scheren gehören der Vergangenheit an. Doch der hohe Präzisionsanspruch der Chirurgie lebt in jedem einzelnen Paar weiter, das das Werk verlässt.


Quellen: Joewell Official , Haaro.de: Joewell Produktinformationen , HairArt Products: Joewell US-Vertriebspartner